


Der Weg zum Aufsichtsratsmandat: Was Kandidat:innen wissen sollten
Der Weg in den Aufsichtsrat ist für viele ein nächster Karriereschritt – aber selten ein geradliniger. Er führt über Erfahrung, fachliche Kompetenz, Sichtbarkeit und tragfähige Netzwerke. Im Gespräch geben Alexandra Meissnitzer sowie die Expert:innen Dr. Höllinger und DI Wieltsch Einblicke, worauf es beim Einstieg in ein Aufsichtsratsmandat ankommt – und warum diese Aufgabe heute mehr denn je Verantwortung, Weitblick und Haltung verlangt.
Persönlicher Zugang zum Thema Aufsichtsrat
Frau Meissnitzer, als ehemalige Spitzensportlerin haben Sie früh gelernt, unter Druck Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und mit Erfolg und Rückschlägen umzugehen. Heute beschäftigen Sie sich mit Governance, Aufsicht und strategischer Verantwortung. Welche Erfahrungen aus dem Spitzensport helfen Ihnen heute besonders, wenn es um Verantwortung, Kontrolle und strategisches Denken geht?
Im Skisport geht es darum, sich ständig am Limit zu bewegen und gleichzeitig Risiken richtig einzuschätzen. Es braucht den Blick für das Wesentliche, die Bereitschaft, Veränderungen anzunehmen, sowie den Mut, Entscheidungen zu treffen. Ebenso wichtig ist ein professionelles Team, das Verantwortung übernimmt und gemeinsam an einem Ziel arbeitet. Und vor allem braucht es Resilienz, also die Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen dranzubleiben und nicht aufzugeben. Ich glaube, letztlich macht es kaum einen Unterschied, aus welcher Branche wir kommen. Am Ende geht es immer um ähnliche Herausforderungen und darum, wie wir in anspruchsvollen Situationen handeln.
Wann ist bei Ihnen der Wunsch entstanden, sich näher mit der Arbeit in Aufsichts- und Kontrollgremien, beispielsweise in Aufsichtsräten oder Stiftungsvorständen, zu beschäftigen, und was hat Sie persönlich daran besonders interessiert?
Vor rund zwei Jahren habe ich mich intensiv mit dem CEO von Palfinger, Andreas Klauser, über dieses Thema ausgetauscht. Daraus ist das Interesse entstanden und der Wunsch gereift, mich in diesem Bereich weiterzuentwickeln. Mich fasziniert die Komplexität. Das Zusammenspiel unterschiedlichster Menschen, Perspektiven und Interessen sowie die Verbindung von Verantwortung, Kontrolle und strategischer Gestaltung. Genau diese Vielschichtigkeit macht das Thema für mich so spannend.
Beide Lehrgänge Aufsichtsrat und Stiftungsvorstand vermittelt rechtliche, wirtschaftliche und praktische Grundlagen für Aufsicht, Kontrolle und strategische Verantwortung. Für Quereinsteiger:innen oder Personen mit besonderem Karrierehintergrund kann es ein wichtiger Professionalisierungsschritt sein. Mit welchen Erwartungen haben Sie die Lehrgänge Aufsichtsrat und Stiftungsvorstand besucht?
Mir war es wichtig, mich bestmöglich vorzubereiten, für den Fall, dass ich künftig ein Aufsichtsratsmandat übernehmen darf. Gleichzeitig nehme ich an einem "Sparringprogramm Netzwerk Aufsichtsrat“ der Industriellenvereinigung teil. Der Lehrgang war die ideale Ergänzung dazu.
Welche Inhalte waren für Sie besonders relevant oder überraschend, und hat sich dadurch Ihre Sicht auf Verantwortung, Kontrolle und Haftung in Gremien verändert?
Der Lehrgang war insgesamt sehr umfassend. Für mich gab es keinen Bereich, der nicht relevant gewesen wäre. Es war ein intensiver und anspruchsvoller Streifzug durch alle wesentlichen Themen. Besonders beeindruckt haben mich die Vortragenden, die ihre langjährige Erfahrung und ihr praxisnahes Know-how eingebracht haben. Mir war bereits bewusst, wie komplex die Tätigkeit eines Aufsichtsrats ist. Der Lehrgang hat mein Verständnis für die damit verbundene Verantwortung und Haftung jedoch noch einmal deutlich geschärft.
Alexandra Meissnitzer / Absolventin der Lehrgänge Aufsichtsrat und Stiftungsvorstand
Kompetenzen, Hardskills und Vorkenntnisse
Frau Dr. Höllinger, Sie als Expertin für Bankwesen bringen langjährige Erfahrung als Aufsichtsrätin mit. Die Anforderungen an Aufsichtsräte sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen: Von wirtschaftlichem Verständnis und rechtlicher Orientierung bis hin zur Fähigkeit, Risiken und strategische Entwicklungen richtig einzuordnen, ist alles gefragt. Welche Kompetenzen und Vorkenntnisse sind aus Ihrer Sicht heute unverzichtbar, um ein Aufsichtsratsmandat professionell ausüben zu können?
Für ein Aufsichtsratsmandat sind fundierte fachliche Kenntnisse unverzichtbar – unabhängig von der Rechtsform des Unternehmens (börsennotierte AG, AG, GmbH). Dazu zählt insbesondere Finanzkompetenz in den Bereichen Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung, Cashflow-Rechnung, Eigenkapitalentwicklung, IFRS, UGB, Unternehmensbewertung, Controlling, Budgetierung und Finanzberichterstattung. Ebenso wichtig sind Führungserfahrung (als Geschäftsführer, Bereichsleiter, Leiter eines Kompetenzfelds oder Unternehmer), strategische Kompetenz in Transformation und Innovation sowie ein solides Verständnis von Governance, Organpflichten, Haftung und Compliance.
Darüber hinaus müssen Aufsichtsrät:innen in der Lage sein, finanzielle, operative und geopolitische Risiken zu hinterfragen und zu bewerten. Auch die Themen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz gewinnen stark an Bedeutung – von Cybersicherheit über Datenmanagement bis hin zu branchenspezifischen Einsatzmöglichkeiten. Wichtige Kompetenzfelder sind außerdem ESG und Nachhaltigkeit, insbesondere im Hinblick auf Berichtspflichten, Nachhaltigkeitsberichterstattung sowie strategische Chancen und Risiken für das Unternehmen.
Ergänzend sind Branchenkenntnisse von großer Bedeutung. Zu den besonders relevanten Zukunftsthemen zählen Künstliche Intelligenz, Datengovernance, Lieferkettenmanagement und die Transformation von Geschäftsmodellen. Bei börsennotierten Unternehmen sind zusätzlich Kapitalmarkt-Know-how, Kenntnisse des Österreichischen Corporate Governance Kodex sowie der EU-Regulatorik – etwa CSRD und EU-Taxonomie – erforderlich.
In der Praxis ist neben der fachlichen Kompetenz auch die Persönlichkeit entscheidend dafür, ob jemand im Gremium wirksam agieren kann. Welche persönlichen Kompetenzen unterscheiden aus Ihrer Sicht einen guten Aufsichtsrat von einem Kandidaten, der vor allem fachlich qualifiziert ist?
Die fachliche Eignung ist sozusagen ein Hygienefaktor. Ob ein:e Bewerber:in tatsächlich als Aufsichtsrat/-rätin zur Wahl empfohlen wird, entscheiden meist die persönlichen Kompetenzen. Besonders wichtig sind Integrität und Unabhängigkeit, also die Fähigkeit, frei von Interessenkonflikten und im Sinne des Unternehmens zu entscheiden. Ebenso zählen ein gutes Urteilsvermögen, strategisches Denken (die Fähigkeit, langfristige Entscheidungen anzuregen und zu beschließen) sowie Durchsetzungsstärke gegenüber dem Vorstand zu den zentralen Eigenschaften.
Gute Aufsichtsrät:innen zeichnen sich außerdem dadurch aus, dass sie den Mut haben, auch unangenehme Fragen zu stellen, und in schwierigen Unternehmensphasen klar zu handeln. Dabei spielt Kommunikationsfähigkeit eine wesentliche Rolle: Gefragt sind konstruktive Zusammenarbeit, klare Sprache und Konfliktfähigkeit im Gremium sowie gegenüber dem Vorstand bzw. der Geschäftsführung. Darüber hinaus sind Diskretion im Umgang mit sensiblen Informationen sowie Offenheit für neue Entwicklungen und Themen gefragt.
Mag. PhDr. Susanne Höllinger CSE / Kommissionsmitglied, Aufsichtsrätin, Business Coach - Sparringpartner Board Level
Empfehlung an angehende Aufsichtsrät:innen
Wer ein Aufsichtsratsmandat anstrebt, sollte sich frühzeitig mit der eigenen Positionierung, den Anforderungen der Rolle und der damit verbundenen Verantwortung auseinandersetzen. Ein Mandat ist nicht nur ein Karriereschritt, sondern auch eine Verpflichtung. Herr DI Wieltsch, was ist Ihre wichtigste Empfehlung an Personen, die erstmals ein Aufsichtsratsmandat anstreben?
Man soll sich ernsthaft und ehrlich die Frage stellen, ob man die Zeit, die Qualifikation und die Verantwortungsbereitschaft hat, so ein Mandat anzunehmen. Und die entscheidende Frage abchecken, ob ich wirklich meine künftigen Entscheidungen als Mandatsträger vor allem nach den Interessen des Unternehmens richten kann und will.
Wie sollte man sich fachlich und persönlich auf ein mögliches Mandat vorbereiten?
Eine gute Vorbereitung umfasst rechtliche Grundkenntnisse zur Aufsichtsratsarbeit, etwa durch eine CSE-Zertifizierung, sowie die gezielte Auffrischung mandatsrelevanter Fachkenntnisse. Wichtig sind außerdem eine sorgfältige Auseinandersetzung mit dem Unternehmen, seinem Umfeld und seinen Herausforderungen sowie ein klares Verständnis der Unterschiede zwischen Aufsichtsratsfunktionen in GmbH und AG.
Zukunft der Aufsichtsratsarbeit
Die Anforderungen an Aufsichtsräte steigen. Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Transformation, geopolitische Risiken und neue Erwartungen an Transparenz prägen die Arbeit der kommenden Jahre. Was glauben Sie, welche Themen werden die Arbeit von Aufsichtsräten in den nächsten Jahren besonders prägen?
Die Arbeit von Aufsichtsrät:innen wird auch künftig von einem fundierten Verständnis für Finanzen und Unternehmenserfolg geprägt sein. Zentrale Themen bleiben außerdem Strategieentwicklung, Vorstandsbestellung – insbesondere in Aktiengesellschaften – sowie Digitalisierung auf operativer und strategischer Ebene. An Bedeutung gewinnen wird zudem die Fähigkeit, Bürokratie- und Berichtspflichten klug einzuordnen und Wesentliches von Formalismen zu unterscheiden.
Wird der Zugang zu Aufsichtsratsmandaten künftig professioneller, transparenter und diverser werden?
Der Zugang zu Aufsichtsratsmandaten wird künftig wohl professioneller werden, etwa durch strukturiertere Such- und Auswahlprozesse. Ob er auch transparenter wird, bleibt abzuwarten. Eine zentrale Rolle spielt dabei der oder die Aufsichtsratsvorsitzende: Die Zusammensetzung des Gremiums – und damit auch dessen Diversität – gehört zu den wichtigsten Aufgaben in dieser Funktion.
Was macht aus Ihrer Sicht eine gute Aufsichtsrätin oder einen wirklich guten Aufsichtsrat aus?
Eine gute Aufsichtsrätin oder ein guter Aufsichtsrat zeichnet sich durch umfassende Kenntnisse (Polyvalenz) und überlegte Beiträge aus. Ebenso wichtig sind gesunder Menschenverstand und die Fähigkeit, konstruktiv im Team zu arbeiten.
DI Rainer Wieltsch CSE / Ehemaliges Kommissionsmitglied
Vielen Dank für das Gespräch!
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Zertifizierte Aufsichsträtinnen und Aufsichtsräte
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